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Home Schriften Zu Studienbeginn Die Durchdringung von Form und Inhalt

Die Durchdringung von Form und Inhalt

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Für mich stellt sich Informatik wie folgt dar:

Das Primäre in ihr sind nicht die Kalküle allein, die einen formalen und widerspruchsfreien Zusammenhang innerhalb eines mathematischen Systems darstellen, sondern die Anwendung von Kalkülen für verschiedene Bereiche im Alltag. „Wie machen wir es, dass wir P?“ könnte die Fragestellung lauten. Und: „Wie machen wir es schneller, sodass es auch für kompliziertere Sachzusammenhänge eingesetzt werden kann?“ Die Machbarkeit des Etwas bestimmt die zentralen Probleme der Informatik.

Nun ist die Art und Weise, wie dieses Etwas „gemacht“ werden kann, in der Informatik nur in bestimmten Weisen möglich. Und zwar Illustriert die Informatik eigentlich Kalküle aus der Mathematik, wobei sie sie eben operationalisierbar macht. Dieses Verfahren der Operationalisierbarkeit ist aber nicht nur an die getreue Nachbildung mathematischer Beschreibungen interessiert, sondern will sie auch für irgendeinen Zweck nutzbar machen.

Die Informatik muss also zwischen Alltag und abstrakter Kalkülfunktion vermitteln, wobei sie sowohl Alltagssituation als auch Kalkülfunktion adaptieren, „abschleifen“ muss.

 

Übersicht:

Ich frage hier nicht nur nach einer Philosophie der Informatik, sondern umgekehrt auch nach einer Informatik der Philosophie. Hier wiederholt sich die Problematik der Detailebene  (VERFAHREN DER INFORMATIK vs. ALLTAGSSITUTATION) nochmals auf einer komplexeren Ebene, nämlich auf der Ebene der Disziplinen. Während sich die Detailebene mit den Bedingungen der Möglichkeit von Informatischen Verfahren beschäftigt, geht es auf der disziplinären Ebene darum, zwischen Informatik und Philosophie als Disziplinen zu vermitteln. Einerseits soll die Informatik einer philosophischen Betrachtung angepasst werden (Imperative von ihr erhalten) und andererseits soll die Philosophie aus informatischer Sicht geprägt und dadurch möglicherweise methodisch neu begründet werden (Vielleicht ein 'informatic turn'?).

 

Wieder in der Detailebene:

Natürlich greift die Informatik nicht einfach in den Alltag ein, genauso wenig wie der Alltag Algorithmen durchdringt. Menschen mit Problemen aus dem Alltag lernen die informatischen Verfahren kennen und bedienen sich ihrer.

Als Informatiker dürfen wir nicht vergessen, dass wir die einzigen sind, die den Manipulationen der Maschine (die für die Maschine selbst keine Bedeutung haben) Sinn abgewinnen können; vor allem auch deswegen, weil die Verfahren auch von uns festgelegt wurden.

Der Informatiker muss daher mehr tun als programmieren. Er muss die Alltagssituation, die von Beschreibungen und Forderungen der Benutzer kommen, die vom Kalkül meist nichts verstehen, oder durch Besichtigung genau von verschiedenen Perspektiven zu betrachten sind, ÜBERSETZEN in die logische Syntax oder in die prozessorientierte Syntax einer Programmiersprache, einem Kalkül.

Die Impulse müssen vom Alltag kommen, den (Alltag) man dann in ein vom Informatiker ausgewähltes Schema presst, dass durch einen Algorithmus bewerkstelligt wird.

Bei unüberlegtem Auswählen des Kalküls mag das den Alltag derart prägen, dass Tätigkeiten, die gar nicht sinnvoll in das ausgewählte Kalkül schematisiert und erfasst werden können, durch technische Tricks oder semantischen Täuschungen, die von den Beschreibungen und Beobachtungen, die der Informatiker erfasst oder die er willkürlich hinzutut, trotzdem formalisiert werden. Dem blinden Kalkül stört dies wenig, es arbeitet seine Befehle sequentiell ab und schert sich nicht, wie denn auch, um die semantischen Implikationen der Alltagszusammenhänge.

Dies kann im wissenschaftlichen Betrieb (Bioinformatik, Neuroinformatik, theoretische Physik, Astrophysik) soweit führen, dass durch informatische Methoden gestützte Hypothesen ohne Bedenken über die Art und Weise, wie diese Hypothesen gestützt wurden, tatsächlich für bestätigt und zumindest als „in den Daten nicht widerlegt befunden“ gehalten werden.

Im Alltag kann es die Auswirkung haben, dass der Benutzer die Tätigkeiten, die er auszuführen hat, durch die informatische Methode, nicht wie angepriesen erleichtern, sondern um ein vielfaches erschweren und verkomplizieren, sodass er Zeiten herbeisehnt, als er noch kein Benutzer sondern ein, auch von der Organisation in der er arbeitete, verantwortungsvoller Mensch war, welcher Situationen vorfand, in denen er die Möglichkeit hatte, sich vernünftig, gefühlvoll, geschickt (oder auch nicht) anzustellen und zwar unter direkter Einflussnahme der Situation.

Darauf sollte ein Informatiker immer Acht geben: Nämlich dass es in seiner Verantwortung liegt zu entscheiden was sinnvollerweise automatisiert werden kann, auf welche Art und was besser nicht. Das bringt es mit sich (im Gegensatz zur reinen Mathematik), dass er sich notwendig auch auf die Inhalte einlassen muss, für die er Automatismen kreiert. Deshalb ist es geradezu verlockend, meinen Grundsatz auch hier anzuwenden:

#1 Die Form des Inhalts

#2 muss mit dem

#3 Inhalt der Form

#4 kompatibel sein.

In #1 des Satzes analysiere ich die Struktur der Alltagssituation. In #3 des Satzes analysiere ich die Form und zwar komplementär zu dem, was ich in #1 analysiert habe.

Die Form ist in diesem Fall das Kalkül, den ich dahingehend untersuchen muss, welchen Inhalt man in den Kalkül hineinwerfen kann, sodass der Kalkül sinnvoll wird.

Man könnte vereinfacht auch sagen: Der Inhalt muss in die Form passen, und die Form zum Inhalt. Der Unterschied in der Sprache dieser Richtungen weist auch auf zwei ganz verschiedene Operationen hin, die nicht einfach nur reziprok zu denken sind:

"Der Inhalt muss IN die Form passen"

A Form        Struktur der Alltagssitutation

Inhalt         Alltagssituation

"Die Form muss ZUM Inhalt passen"

B Form        Kalkül

Inhalt        mögliche Inputs des Kalküls

 

Man könnte auch sagen, dass bei A die Form der Operator ist (Struktur von etwas) und der Inhalt der Operand (das Material, das Etwas, dass der Operator verarbeitet). Bei B: vice versa mutatis mutandis, wobei das mutatis mutandis (mit den nötigen Änderungen) wichtig ist, da der Operator hier (Inhalt) nicht dieselbe Operationen vollzieht wie bei A und der Operand einen anderen Zweck verfolgt als bei A. Man darf sich, soweit ich das sehe, nicht verleiten lassen, einfach Operator und Operand zu vertauschen und die dahinter arbeitenden Konstrukte auf die gleiche Art und Weise anzuwenden. Der Sinn beider ist durch diese Vertauschung ein anderer geworden und das zeigt das "IN" und das "ZUM" in den beiden Sätzen an.

Wir müssen Form und Inhalt jeweils von ihrer komplementären Seite her betrachten.

 

Die Form von der Form aus betrachtet ist nichts anderes als z.B. in einem logischen Kalkül die nötigen Wenn-Dann-Beziehungen oder andere logische Verknüpfungen. Das bringt uns keine Relation, keine Vermittlung & Kompatibilität von Form und Inhalt. Wir müssen die Kalkülseite von einem möglichen Inhalt aus untersuchen & die Inhaltseite von einer möglichen Form aus, die aber NICHT jener Kalkül sein muss, der aktuell und real eingesetzt wird. Pointiert könnte man für die Kompatibilität ungefähr jene 2 Fragen untersuchen:

 

1. Was ist eine passende Form (oder: Was sind passende Formen, Strukturen, Kalküle) für diesen vorliegenden Inhalt?

2. Was ist ein passender Inhalt (oder: Was sind passende Inhalte) für dieses vorliegende Kalkül?

 

Der Modus der Operation, oder anders gesagt: Der Operationsvollzug ist in beiden Fragestellungen ein anderer:

1. Einmal muss ich einen möglichen Kalkül / eine mögliche Struktur (oder auch Mehrzahl) aus einem gegebenen Inhalt ANALYSIEREN.

2. Und einmal muss ich einen (oder auch Mehrzahl) möglichen Inhalt aus gegebenen Kalkül KONSTRUIEREN.

 

Wir haben in diesem ganzen Prozess der Vermittlung von Form und Inhalt einen schöpferischen (konstruktiven) und einen vermindernden (reduktionistischen, analytischen) Aspekt. Nach Beantworten beider obiger Fragen kann man die Kompatibilität beider deuten und sehen, ob eine Einpassung, und damit schlussendlich auch eine Anwendung der Form auf den Inhalt sinnvoll ist. Es gilt nun noch, konkrete Vollzugsmethoden auszuarbeiten, die die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer solchen Thematik aufzeigen.

 


 

Beispiel:

Die Methode der Vermittlung; Wobei man sich unter Vermittlung zum Beispiel etwas vorstellen kann, das innerhalb des Lehrauftrags eines Professors stattfindet. Es muss Wissen vermittelt werden und es stellt sich die Frage auf welche Art und Weise. Die Spezialität, die wir hier vorfinden ist aber, dass der Professor z.B. ein Kommunikationswissenschaftler oder Pädagoge ist, der für Lehramtskandidaten darüber reden (etwas vermitteln) soll, auf welche Art und Weise man Leuten etwas vermittelt. Man muss ungenau gesprochen die Vermittlung vermitteln. Tatsächlich aber muss man die Methode (der Vermittlung), oder anders gesagt: den Inhalt (der Vermittlung) vermitteln. Dabei aber muss gemäß unseren obigen Betrachtungen auch die Art und Weise der Vermittlung mit dem Inhalt übereinstimmen. Versuchen wir uns der komplexen Redeweise zu entledigen und aufzuschreiben, vor welchem Problem wir stehen:

X:

#1 Die Vermittlung der Methode                                        Der Vortrag der Methode

#2 muss mit der

#3 Methode der Vermittlung                                               Methode des Vortrags

#4 kompatibel sein.

 

Hier ist einerseits der Begriff der Methode auf 2 Arten gebraucht:

A: Methode als Theorie                                INHALT                                #1: Die Vermittlung ist die FORM; Die Methode wird vermittelt

B: Methode als Praxis                                  FORM                                   #3: Die Vermittlung ist der INHALT; Die Vermittlung wird methodologisch untersucht

 

Wenn wir diese beiden Aspekte unterscheiden, und die Spezialität aus unserer Angabe berücksichtigen, dass die Methode nicht irgendeinen Inhalt transportieren soll, sondern genau das, durch das sie vermittelt oder transportiert wird, dann können wir den Einfluss von #1 und #3, den wir oben theoretisch erörtert haben, anders zu erkunden versuchen :

Y:

#1 Die Vermittlung der Methode der Vermittlung

#2 muss mit der

#3 Methode der Vermittlung

#4 kompatibel sein.

 

Hier geht #3 vollständig in #1 ein, umgekehrt aber nicht. Warum eigentlich nicht? Könnte man nicht bei #3 genauso gut Methode der Vermittlung der Methode anschreiben? Das würde folgende Struktur ergeben:

Z:

#1 Die Vermittlung der Methode der Vermittlung

#2 muss mit der

#3 Methode der Vermittlung der Methode

#4 kompatibel sein.

 

Abgesehen davon, dass die Struktur schwer zu lesen und zu verstehen ist, kann man Sie meines Erachtens nach wieder auf die Grundstruktur X zurückführen, denn über die Thematik, die zwischen Operator und Operand (Subjekt und Objekt) unterscheidet, kommen wir auch bei Z nicht hinaus, und eigentlich auch nicht bei Y. Was uns Z (und bei #1 auch Y) zeigt ist, dass Operator und Operand schon bei einer Teilaussage wechseln, wodurch diese Teilaussage wieder in 2 Teilaussagen teilbar wird, eben bei #1 in:  Vermittlung der X und X der Vermittlung, und bei #3 vice versa mit Methode. Interessant wird es jeweils beim Mittelbegriff von #1 und #3. Denn wir haben ja vorhin gesagt, dass der Begriff der Methode einmal als Theorie(Inhalt) und einmal als Praxis(Form) verstanden werden kann. Ähnliches gilt für Vermittlung. Im Mittelbegriff von Z kommen jeweils beide Bedeutungen zusammen. Referenziert man den grauen Teil, ist die Vermittlung das aktive Moment und die Methode lässt die Aktivität der Vermittlung über sich ergehen. Nimmt man aber auf den blauen Teil Bezug, wechselt die Bedeutung und die Methode wird zur Aktivität getrieben, wird zum Subjekt. Mir fallen hier spontan die Ausführungen von Ronald D. Laings "Knoten" ein, in der Laing versucht die Zirkularitäten der "doppelten Kontingenz" (obwohl er den Begriff nicht verwendet) und ähnliche Phänomene zu untersuchen. Ich möchte hier abbrechen. Festzuhalten ist, dass je nach Sachlage die Möglichkeit besteht sich in einen infiniten Regress von Zirkularitäten zu begeben, die die Form der ersten Zirkularität wiedergeben. Bei Z wiederholt sich die Struktur von #1 bis #4 von X in den Teilsätzen #1 und #3.

 


 

Grenzen und Vorbedingungen

 

Gehen wir zurück zu X. Grob gesprochen könnte ein Unvoreingenommener diesen Satz durchlesen und sagen: "Dies ist nichts anderes als: Das was ich predige, muss ich auch tun. Das was ich tue, muss ich auch predigen."

Gilt diese Interpretation, stellt sich die Frage: Ist das nicht ein nie zu erreichendes Ideal? Denn ich rede über viele Dinge nur hypothetisch, zum Beispiel: "Morgen werde ich zu Hause bleiben". Diesen Satz kann man als Predigt werten. Es kann aber sein, dass ich die Predigt aber nicht tue. Es passiert tagtäglich, dass wir uns etwas vornehmen, das wir aber nicht tun.

Beim Genaueren hinsehen stellt sich heraus, dass die Aussage: Das was ich predige, muss ich auch tun, zu brachial ist. Worauf sich das obige Prinzip bezieht, gilt meiner Einsicht nach nur bei Begriffen, Sachverhalten, Phänomenen, die der Möglichkeit nach zirkulär werden können, wenn sie in Beziehungen der folgenden Form eingesetzt werden:

X von/der Y


(kompatibel mit)

Y von/der X

 

 

Diese Form macht denke ich nur unter folgender Bedingung Sinn:

Dann und nur dann, wenn der Operator auch als Operand benutzt werden kann und vice versa.

Versuchen wir uns an einigen Aussagen, die in unser Schema passen könnten:

a.) "Jeder Satz muss als Frage formuliert werden!"

Zunächst könnte man einwenden, dass dieser Satz nicht einmal selbst eine Frage ist und sich dadurch selbst jeder Plausibilität entzieht. Pressen wir nun diesen Satz in die Form aus dem obigen Kasten, ergibt sich:

Jeder Satz muss als Frage formuliert werden.
Jede Frage muss als Satz formuliert werden.

Man muss zwangsläufig jede Frage als Satz formulieren, der zweite Satz gibt keine zusätzliche Information für einen Leser, da man bereits darüber Bescheid weiß, dass jede Frage schon selbst ein Satz ist. Für meinen Dafürhalten ist a.) völlig inkompatibel mit dieser Form, da ein Satz oder eine Frage weder Operator noch Operand sein können, es sind einfach Hauptwörter.

<NACHTRAG> "Das ist eine Frage der Plausibilität!"

A:     Die Frage der Plausibilität

B:     Die Plausibilität der Frage

Plausibilität ist ein hauptwörtlich gebrauchtes Adjektiv (plausibel - Plausibilität). Das soll nur zeigen, dass das Wort "Frage" nicht in allen Fällen von dieser Methode ausgeschlossen ist. Das Zusammenspiel zweier Wörter ist hier zentral. Es fällt mir schwer, dies näher zu spezifizieren.

</NACHTRAG>

 

b.) "Stelle keine Regeln auf!"

Auch dieser Satz widerspricht sich selbst, da er etwas behauptet, was er selbst nicht einhalten kann. Man könnte den Satz natürlich auch umformulieren:
"Stelle keine Regeln auf, außer diese!" Dadurch entzieht man sich zwar der unmittelbaren Selbstwidersprüchlichkeit, doch dem Sinn dieses Satzes entzieht man sich immer noch nicht. Denn es soll ja keine Regel aufgestellt werden und warum sollte gerade diese Regel davon ausgenommen sein?

Dass b.) nicht in die obige Form zu pressen ist, ist leicht einzusehen, da Operator/Operand gar nicht identifiziert werden können. Gibt es einen Akteur? Man könnte b.) umformulieren und die Form dadurch anwenden:
Die Aufstellung von Regeln ist verboten!

Das Regeln von Aufstellungen ist verboten!

 

Gibt es Aufstellungen und kann man sie regeln? Man kann zwar aufstellen als Operator benutzen und Regeln als Operand, umgekehrt scheint dies jedoch nicht zu gelingen.

 

 

c.) "Jeder Satz muss 10 Wörter lang sein"

Wir merken, wie schwierig es ist, Aussagen, Gesetze zu formulieren, die einerseits auf sich selbst anwendbar sind und andererseits in die obige Form passen. Man könnte ragen: Macht es überhaupt Sinn, oder was bringt es, diese Form zu verwenden. Ist diese Form nicht (nur) eine Ästhetische Regelung?

 

Versuchen wir von konkreten zu allgemeinen Aussagen zu gehen:

System des Denkens / Denken des Systems

Theorie des Sprechens / Sprechen der Theorie

Konstruktion der Realität / Realität der Konstruktion

 

Wie in meiner Erinnerung Heinz von Foerster schon meinte, wird durch das Vertauschen der Begriffe der kausale Vorrang destruiert, der nahe legen würde, dass eines der Begriffe ursprünglicher wäre als der andere. Und genau hier kommt die Bedeutung der obigen Form zum Tragen:

 

Nehmen wird das Phänomen der Sprache her. Wenn ich etwas ÜBER die Sprache sage, dann sage ich es trotzdem IN der Sprache, und nur darauf zielt meine wechselseitige Form-Inhalt-Kompatibilität ab. Ich habe gar keine Möglichkeit, der Sprache zu entrinnen, da ich IN ihr ÜBER sie rede. Gegenstand & Prozess fallen in eins und hier kann die naive Form/Inhalt-Trennung zum Verständnis des Phänomens Sprache hinderlich sein, da ich mir im Klaren sein muss, dass ich selbst nicht (nur) außerhalb als Beobachter, sondern (auch) innerhalb als Teilnehmer in das Phänomen eingebettet bin. Dieser Sachverhalt ist aber etwas, der nicht einfach wieder nur auf der Inhaltsseite auftreten darf. Er muss unseren "Modus Operandi", unsere Weise, mit Anderen und Anderem umzugehen, verändern.

 

Ich denke, so verhält es sich mit fast allen Begriffen, die in der ontologischen Tradition zentral (gewesen) sind: Denken, Sprache, Welt, Sinn, Gott, Seele. Wittgenstein hat sinngemäß gesagt: "Philosophie beginnt da, wo ich anstehe." Ich bin auch der Meinung, dass man bei diesen Begriffen ansteht, wenn man sie auf die in der Wissenschaft üblichen Weise zu verstehen versucht. Analyse ist nur EIN Instrumentarium unserer Beziehungsfähigkeit (ich möchte nicht von Vernunft sprechen, auch nicht von Psyche, nicht von Bewusstsein und schon gar nicht von Gehirn) und es wird Zeit, sich unvoreingenommen mit allen Seiten der Beziehungsfähigkeit zu beschäftigen (obwohl im Laufe der Geschichte es immer auch Menschen gab, die dies im Sinn hatten - fruchtbar wäre hier vielleicht Ernst Cassirer - Die Philosophie der symbolischen Formen)

 

Darstellung und Inhalt: Ausübung der Einpassung - Einpassung der Ausübung

 

A: Darstellung eines    Inhalts (Aktionsbezug: Etwas wird dargestellt - dem Inhalt widerfährt eine Darstellung)

 

B: Inhalt einer     Darstellung (Gehaltbezug: die Darstellung hat einen Inhalt - der Darstellung kommt ein Inhalt zu)

 

Man kann nun Satz A und B in einer symbolischen Form anschreiben, indem man für Darstellung X und für Inhalt Y einsetzt. Nun haben wir aber behauptet, dass X von A eine andere Bedeutung hat als X von B, obwohl sie dennoch zusammenhängen.

 

Bei A wird X als Operator oder als Form gebraucht, bei B wird X als Operand oder als Inhalt verwendet.

 

Bei A bestimmt die Darstellung was mit dem Inhalt passiert. Der Prozess wird vom Kalkül geführt. Das Synonym: "Etwas(=der Inhalt) wird dargestellt" verdeutlich das Prozesshafte in der Darstellung.

Doch was passiert bei B? Das was bei A einst etwas Passives war, gelangt nun zu einer Aktivität. Es ist nun der Inhalt, der die Darstellung bestimmt. Dazu später mehr. Wir wollen nun mit unserem Formalismus fortfahren.

 

Wir schreiben für Operator dieses Symbol: °. Für Operand schreiben wir dieses Symbol: +.

 

Somit lassen sich A und B wie folgt darstellen:

 

A: ( Y+ ) sprich: X-Kreis von Y-Kreuz

B: ( X+ ) sprich: Y-Kreis von X-Kreuz

 

Blau werden die Operatoren (Kalküle), Rot die Operanden (Inhalte) gefärbt.

 

Bei spreche ich vom Modus der Darstellung, der den Inhalt Y+ beeinflusst. Jedoch gibt es bei , das ja ursprünglich Y+ war, keinen Modus. Es gibt vielleicht eine Bedeutung oder eine Struktur von Y+, die - nun genannt - Einfluss hat auf die Darstellung (X+), die nun nicht etwas bestimmendes, sondern etwas veränderbares, zu gestaltendes ist (und deshalb nicht als sondern als X+ angeschrieben werden muss).

 

nachträgliche Bemerkung: Ich verwende als Termini Operator und Operand - nicht Form und Inhalt (oder Kalkül und Inhalt) - um eine chaotische Interferenz mit dem Beispiel (Darstellung und Inhalt) zu verhindern (denn wie sollte der Term Inhalt vom Beispielwort Inhalt unterschieden werden?) - durch die Symbole X und Y soll lediglich ausgedrückt werden, dass wir es mit 2 Begriffen oder Phänomenen zu tun haben, die wir unterscheiden und in Beziehung zueinander setzen wollen. Bei A und B werden X und Y voneinander in unterschiedlichen Weisen gebraucht, was die Bedeutung von X und Y verändert. Bei A ist X der aktive,formierende Teil und Y der passive, sich formende Teil des Ganzen.

 

Es ist nicht damit getan, einfach die Rollen zu vertauschen. Wir haben es mit zwei ganz verschiedenen Schritten zu tun, obwohl sowohl bei A als auch bei B Operator und Operand eine Rolle spielen. Formal soll einfach nur gesagt werden: Dass der Operator Einfluss auf den Operand hat. Dies ist klar ersichtlich ist, wenn man sich den Operator "Negation" vorstellt, der die extremste Form des Einflusses von ° auf + demonstriert:

Operator:     ¬

Operand:     true

Ergebnis: false

 

Durch die Negation wird der Wahrheitswert 'true' in sein Gegenteil 'false' verkehrt. Der Operator selbst bleibt aber unverändert. Ganz egal, welcher Wahrheitswert auf den Operator zukommt, er wird immer die invariante Funktion der Negation ausüben. Dies ist eine Idealisierung und Vereinfachung, die komplexen Vorgängen nicht gerecht wird und das ist der Grund, warum mir B - das zunächst wie ein Wortspiel aussieht - so radikal wichtig scheint: A und B zeigen gemeinsam die einfachste Form von Komplexität, wobei Komplexität dadurch bestimmt ist, dass die Verfahrensweise des Operators sich bei Anwendung auf einen Operanden ändern kann und es ist einem Außenstehenden nicht klar, auf welche Weise das geschieht. Das Prinzip Operator-Operand ist das einfachste und bewährteste Prinzip (Subjekt-Objekt, Master-Slave, u.dgl.). Mir geht es jedoch darum, dieses Prinzip zu unterlaufen indem ich auch sein Gegenteil für gültig erkläre. Nicht nur ist der Operator ein Operator, auch der Operand kann ein Operator sein. Nicht nur ist der Operand ein Operand, auch der Operator kann ein Operand sein.

 

Wollte man dies als Informatiker in ein UML-Diagramm bringen wollen (und hier haben wir wieder den Fall einer Darstellung eines Inhalts - und zwar des obigen), würde man das am Einfachsten mit einer Hierarchischen Beziehung tun, indem man annimmt, dass es über die Unterscheidung Operator/Operand hinaus noch etwas gibt, nennen wir es Oper* - das beide umfasst (im Folgenden erspare ich mir die korrekte UML-Syntax und begnüge mich mit Schematisierungen):

 

Oper*

/   \

/     \

Operator     Operand

 

Wenn man sich diesen Weg, die Wechselhaftigkeit von Operator und Operand zu erklären, zunutze macht, könnte man sagen: Das, was wir hier beschreiben wollen, worum es uns geht ist: Oper*. Oper* ist aber nichts konkretes, sondern eine allgemeine Gattung (in der Objektorientierten Programmierung: eine abstrakte Klasse), die die Spezialfälle Operator und Operand annehmen kann, je nachdem, in welchem Fall sie gebraucht wird. Man könnte sich damit begnügen und das Problem als gelöst ansehen und sich anderen Tätigkeiten zuwenden.

 

Mir will diese Erklärung aber nicht ganz in den Kopf, da es die Veränderung von etwas, das wir zunächst als Operator identifiziert haben, in etwas anderes - das wir als Operand bezeichnen- zu schnell mit dem Hinweis auf etwas darüberliegendem, aber abstraktem und nie ganz zugänglichem zum Verschwinden bringt. Das Phänomen der Wandelbarkeit ist etwas, das uns zunächst erstaunen und verwundern muss.

 

Mit der gleichen Terminologie aber ohne Verwendung des Darüberliegenden müsste man zunächst Ober- und Untergattung vertauschen und sehen, wie man dies deuten könnte:

 

Operator Operand

|                  |

|                  |

|                  |

Operand             Operator

 

Operand IS-A Operator, das heißt, der Operand ist von der Gattung Operator. Andererseits aber: Operator IS-A Operand, das heißt: der Operator ist von der Gattung Operand. Wichtig ist, dass IS-A hier (und generell in der Sprache der Modellierung) keine Gleichsetzung bedeutet, sonst wären Operator und Operand gleich. Wenn aber eine zirkuläre Situation besteht die sagt: Operator IS-A Operand IS-A Operator dann sind die Begriffe gleich, oder in Worten der Mengentheorie: extensional äquivalent. In allen Fällen, in denen etwas ein Operator sein kann, ist es auch ein Operand.

 

Doch auch das wollen wir nicht sagen: Operator und Operand sind nicht gleich. (Es macht einen Unterschied, ob man befiehlt oder befohlen bekommt.) Wir wollen sagen: ein Operator KANN zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Operand sein und ein Operand KANN zu einem bestimmten anderen Zeitpunkt ein Operator sein. Ungenau gesprochen: Durch eine gewisse Darstellung kann sich das, was man zunächst darstellen wollte, verändern und man bemerkt, dass die Darstellung inadäquat ist und verändert die Darstellung. Denn was man mit einem Verfahren vor hat ist, dass die 2 Bestandteile nach ihrer Interaktion eine Einheit bilden. ° und + werden zu .

 

Wieder anders gesagt: Alles kann zum Operand, zum Inhalt gemacht werden, man kann alles thematisieren. Selbst mein Getippe auf die Tastatur kann ich thematisieren. Solange die Tätigkeit des Tippens noch ein ° (ein Operator) ist, kann ich sie dazu verwenden, anderes (+) zu thematisieren. Und solange ich dieses Gefüge von ° und + nicht thematisiere, ist es ein . Wenn ich thematisiere, begebe ich mich auf die Metaebene, wo nun als + auftritt. Und das ist die Freiheit des Geistes, die dadurch erfasst werden kann, dass es Operator, Operand und unreflektierte Einheit gibt. Letztere ist aber nichts endgültiges und prinzipiell unbegreifbares - es ist als ganz/integer und zwar deshalb, weil wir ° auf + konzentrieren und dabei nicht darauf acht geben können, was wir IN der Tätigkeit/Ganzheit gefangen gerade tun. Doch wenn wir Distanz zu dieser Tätigkeit haben, dann können wir ° von + unterscheiden, dabei ist aber diese Tätigkeit des Unterscheidens wieder ein unreflektiertes , das ich nun, indem ich hier schreibe, wiederum in ° und + unterscheiden kann und so fort.

 

Die interessante Frage, die ich nochmals wiederholen möchte lautet aber: Wie ist es möglich, dass etwas, das wir zuvor als Operator identifiziert haben, zu einem Operanden wird? Wie ist es möglich, dass etwas lebendiges, mächtiges und Bestimmendes plötzlich ohnmächtig, wehrlos und tot wird? Es mag sein, dass diese Untersuchung für das obige schwarz/weiße Denkmuster Operator/Operand gar nicht geeignet ist und man von einem so radikalen Übergang gar nicht sprechen kann.

 

Was bei A & B verschieden ist, sind die Modi des Einflusses. Ein naiver Versuch eines Beispiels:

 

Bei A: Ich präsentiere meinen Gedanken: "Heute ist schönes Wetter", indem ich grinse und ein kurzärmeliges T-Shirt anziehe, wenn ich zur Uni gehe.

 

Diese Art der Präsentation verändert meinen Gedanken (Y+) wesentlich.

 

Bei B: Andererseits ist aber doch der Modus der Präsentation abhängig vom Gehalt/Sinn des Gedankens: "Heute ist schönes Wetter". Ich hätte ganz sicher eine andere Form der Darstellung gewählt, wäre der Sinn verändert und/oder der Inhalt ein anderer. Ein Beispiel für Sinnveränderung: Es könnte sein, dass ich am Vortag eine Wette verloren habe und deswegen trotz schönem Wetter traurig und ausgestattet mit Winterjacke und Handschuhen zur Uni schwitzen muss. Diese Wolke der im Hintergrund schwirrenden Sinnmodifikatoren ist bei der Überführung von Y+ in von großer Bedeutung. Da wir X ursprünglich als Operator kennen gelernt haben, brauchen wir keine Überführung von X+ in vornehmen, müssen jedoch in X+ überführen, was auch noch genauer zu verstehen sein wird.

 

Zwischenüberlegung: Die Schwierigkeit bei diesen Überlegungen ist, dass wir hier an die Schwelle des Unbewussten kommen, zumindest wenn wir ehrlich bleiben wollen. Natürlich könnte man jederzeit behaupten, dies und das würde sich ereignen, wenn in X+ übergeht, doch dies ist im Prinzip ein spontaner Vorgang. Wenn ich durch irgend eine kleine "Störung" aus meiner Tätigkeit (°) gerissen werde, passiert das ohne Reflexion und ohne dass ich dies wollte. Wenn nachts die Lichter aus sind und ich weiterhin in die Tastatur hämmere, kann es leicht passieren, dass meine Finger nicht mehr in der Standardposition ASDF-JKLÖ sind oder dass ich unabsichtlich CAPS-LOCK aktiviert habe und plötzlich NUR NOCH IN GROSSBUCHSTABEN GESCHRIEBEN WIRD. Dies ist genau der Punkt, wo ich aus gerissen werde und meine damalige Tätigkeit (°) reflektiert wird und dadurch zum Inhalt, zum ohnmächtigen, passiven, zum + gemacht wird. Gemacht von wem? Vom aktuell noch unreflektierten ,der als Inhalt(+) die damalige Tätigkeit (°) analysiert. Dabei kann es passieren, dass bei der Analyse Spuren vom damaligen Inhalt, also als ich noch konzentriert in die Tastatur getippt hatte, miteinfließen, und dadurch das (oder zumindest ein Teil von dem), was vorhin machtlos war, nun fähig ist, das damals mächtige zu neuer zu führen. Und solange keine Störung auftritt, verharre ich in dieser Ebene, die an sich nicht unbewusst ist, denn ich tippe ja tatsächlich bewusst und nachdenklich in die Tasten - doch mein aktuelles In-der-Welt-sein verändert sich nicht; ich bleibe dem verhaftet (geht es nun darum, dass ich gerade eine Pizza esse oder an aufwändigem Programmcode feile).

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 18. Februar 2010 um 21:22 Uhr