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Bildung und Beruf

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Forschendes Begreifen oder Karriereplanung?

Ich war letzte Woche bei einer Podiumsdiskussion, wo es um die Zukunft der Hochschulbildung im Zusammenhang mit "Employability" ging, wobei mich eher die Zukunft der Bildung als das Stichwort Employability interessierte. Diese Diskussion ist meiner Meinung nach und im Rahmen der Umsetzung der Bologna-Struktur eine wichtige und notwendige. Interessanterweise fand sich nur sehr wenig Publikum anwesend, obwohl das Thema einiges an Brisanz hat, wie man bei der Demonstration gegen Managementstrukturen in der Uni gesehen hat (das waren sicher mehr als 200 Leute), doch zurück zum Thema:

Mein Eindruck ist, dass wir uns mit der Einführung des Bachelor-/Master-Systems im Rahmen des Bologna-Prozesses in eine neue Situtation begeben haben, von der wir noch nicht so recht wissen, was wir von ihr zu halten haben und wie wir die Eigenschaften dieser Struktur am Besten nutzen können. Dies gilt sowohl für Studenten, die Curricularentwicklung, als auch die Wirtschaft. Es hört sich tatsächlich toll an, wenn man hört, dass die Universitäten weitgehend autonom die konkreten Inhalte der Curricula ausprobieren und kontinuierlich adaptieren können, dass Modul-gekapselte Lehrveranstaltungen Zielorientierung und Vernetzung von Lehrveranstaltungen ermöglichen, doch so wie es zur Zeit aussieht (und ich habe in meinem Studium außer der Bachelor-/Master-Struktur keine andere Studienform kennengelernt) muss sich hier noch viel tun.

Es ist genau meine Einstellung, dass das, was heute wichtig ist, nicht mehr nur disziplinäres Fachwissen ist, sondern geradezu die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Disziplinen denkend und handelnd zu vermitteln. Es ist sogar die Verbindung "Informatik und Philosophie" gefallen, die ziemlich genau meine Forschungsinteressen trifft, doch von einer Umsetzung dieser kompetenz-orientierten Curricula fehlen mir noch jegliche Anhaltspunkte. Ein kleines Beispiel soll mein Urteil illustrieren:

Ich habe letztes Semester eine Einführung in wissenschaftliches Arbeiten in der Philosophie absolviert, deren Aufwand laut Vorlesungsverzeichnis mit 5 ECTS-Punkten quantifiziert wurde. Ich habe in den Semesterferien bei der Studienprogrammleitung Informatik nachgefragt, ob es nicht möglich wäre, diese LV für die im Studienplan vorgeschriebene Veranstaltung "Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens"(3 ECTS) anzurechnen. Nach langem Hin und Her um die Verantwortlichkeit ergab sich dann, dass es nicht möglich ist, fachfremdes wissenschaftliches Arbeiten für erwähnte LV anzurechnen.

Außer, dass die wissenschaftliche Arbeit in der Informatik in Englisch verfasst werden muss, es ein Peer Review gibt, und dass man ein naturwissenschaftliches Zitiersystem verwendet, ist das Ziel der LV das gleiche: die Befähigung, wissenschaftlich zu arbeiten. Natürlich muss man die verschiedenen Wissenschaftskulturen kennen lernen und gewiss sind Konventionen maßgebend, um in der Wissenschaft Fuß fassen zu können, doch das Wichtigste ist, dass man ganz allgemein lernt, wie man sich wissenschaftlich betätigen kann. Ich konnte natürlich auch in der Informatik-LV etwas mir noch Unbekanntes erfahren, doch meine Fähigkeit, wisssenschaftliche Arbeiten zu schreiben, dürfte es nicht sonderlich verändert haben.

Ein innovatives Curriculum finde ich das Joint-Degree-Master-Studium "MEi:CogSci", das versucht, verschiedenste Disziplinen zu vernetzen. Ringvorlesungen, Laborbesuche, Konversatorien, die Möglichkeit eines Auslandaufenthalts und eine für die begrenzten Möglichkeiten beträchtliche Auswahl an verschiedenen Modulkombinationen.

Die Frage ist, wie kann man neue Verbindungen zwischen verschiedenen Disziplinen schaffen oder zumindest denkbare Ansätze fördern: Ich muss zugeben, dass ich während der Ausbildung in der HTL nicht gewillt war, weiter zu studieren, da ich schon in der HTL das Gefühl hatte, dass man seine wirklichen Interessen in einer Bildungsanstalt weder ausleben noch auslernen konnte. Ich hatte das Glück, dass ich in einer Kurzschlussreaktion im Rahmen der schriftlichen Matura als Wahlfach "Religion" gewählt hatte, was ja eigentlich so etwas wie einen Tabu in einer technischen Schule darstellt. Mein Betreuer motivierte mich, ein individuelles Studium zu beantragen, und auf diese Art und Weise kam ich in Verbindung mit den Studenten, die bei der Curriculumsentwicklung des MEi:CogSci-Studiengangs beteiligt waren, wobei es zu diesem Zeitpunkt erst im Entstehen war. Jedenfalls entschloss ich mich, für Informatik zu inskribieren, jedoch auf einen transzdisziplinären Stundenplan wert zu legen, um dann bei Gelegenheit ein individuelles Studium zu beantragen. Es kam jedoch anders und ich habe für die nahe Zukunft den Entschluss gefasst, das Informatikstudium komplett abzuschließen, doch parallel dazu andere LVs zu besuchen, die mir von Interesse scheinen und bei denen ich nicht unter einem Druck bin, der mich in einen Alltagstrott bringt, der die Motivation und das Denken hemmt. Die Verbindungen, die ich versuche, zwischen den Disziplinen herzustellen entspringen meinem eigenen Interesse und Engagement, für das ich durchaus mehr Zeit aufzuwenden bereit bin. Es scheint mir zur Zeit nicht so, als fände dieser Mehraufwand irgendeine gesellschaftliche Anerkennung.

Es sollte für Studenten- als auch von Hochschullehrern die Möglichkeit geben, bestimmte Kompetenzen, die im Interessensbereich der Person liegen, vorzuschlagen. Dies könnte auch die Interaktion zwischen Lehre und Forschung etwas mehr beleben. Im Rahmen von Web 2.0 sind viele Frameworks populär geworden, die solche Anforderungen mit einem geringen Kosten-&Administrationsaufwand umsetzen könnten.

Wenn man mich fragen würde, worum es bei Bildung geht, würde ich sagen, dass Bildung etwas damit zu tun hat, Fragestellungen, die sich aufgrund der persönlichen Geschichte und aufgrund der Alltagszusammenhänge einer Person ergeben, aufzugreifen und zu verfolgen. Es kann sich herausstellen, dass diese Fragestellungen sehr alt sind und man wird dann dazu übergehen, zu verstehen, wie man diese Fragen in früherer Zeit beantwortet hat. Andererseits kann es auch vorkommen, dass Fragestellungen neu sind bzw. alte Antworten in der Vergangenheit und im Lichte der Gegenwart unzureichend erscheinen. Gerade Studenten haben meiner Meinung nach ein Gefühl dafür, welche Vorstellungen überkommen erscheinen, oft scheut man nur davor zurück, diese Intuitionen auszusprechen, denn viele Hochschullehrer sind aufgrund anderer Verpflichtungen (ein Paper für die nächste Konferenz fertigbekommen) nicht bereit, neue Ansätze und Ideen von Studenten zu fördern bzw. ihren Vortrag so zu gestalten, dass Studenten überhaupt den Versuch wagen, etwas Neues zu denken. Wenn Hochschullehrer mit der Erwartung in den Raum gehen, dass Studenten so etwas wie leere Köpfe sind, in denen man Wissen reinpumpen muss und wo die Kommunikation nur in eine Richtung (nämlich vom Vortragenden zum Publikum) geht, darf man sich nicht wundern, warum so mancher die Motivation verliert und dazu übergeht, nur einfache Lehrveranstaltungen zu besuchen. Das bedeutet aber nicht, dass demotivierte Studenten nur aufgrund schlechter Vortragender zustande kommen.

Die Frage nach der Berufsbefähigung stellt sich wohl erst, wenn zu viele Leute in Hörsälen sitzen und man sich überspitzt formuliert fragt: "Ja wer kann so viele Linkshänder und Theoretiker denn brauchen?" Die Massenuniversität ist ein Phänomen, den man sich widmen muss. Ich glaube, dass man durch die großartige Vernetzung, die man mit den Internettechnologien geschaffen hat (Wikis, Chats, Foren, Content-Management-Systeme, Video/Audio-Vorlesungsmitschnitte) eine Möglichkeit hat, die Konzentration zu vieler Leute auf einen Raum wieder zu verdünnen. Sehr viele Dinge kann und sollte man auch zu Hause erledigen, um die persönliche Anwesenheit überwiegend für unbefangene Kommunikation, anstatt einseitigem Monolog oder Abgabegesprächen zu nutzen.

Ja und produziert man denn nun in Universitäten jene "Human Resources", die die Wirtschaft, die der Arbeitsmarkt, braucht? Nein! Die Universität soll dazu befähigen, interessante Fragen zu stellen und in einem kreativen Prozess Antworten auf diese Fragen zu finden. Die Wirtschaft kann dies beobachten und Interessantes anzapfen. Wenn man an den Studenten mit zu genauen Vorgaben und Richtlinien und Studienplänen heranrückt, denkt der Student, hier sei ohnehin alles zu Ende gedacht und es bedarf keiner Versuche mehr, etwas Neues auszudenken. Die Frage, welchen Beruf denn nun ein Absolvent aus einer Universität ausüben soll, erfordert genauso eine Kooperation von Seiten der Wirtschaft, wie von Seiten der Uni und hängt noch viel stärker vom Interesse des Absolventen ab. Wenn der Absolvent eigentlich gar nicht gewillt ist, einen Job in der Wirtschaft anzunehmen, bringt die Beste Universitäts-Wirtschafts-Kooperation nichts. Wenn die Fragestellungen aktuell sind und die Antworten mühevoll entwickelt werden, dann ist Berufsbefähigung kein Thema. Wer nicht gern Fragen stellt, die ihn interessieren, ohne bestimmte Vorgaben und Anreize vor die Nase gesetzt zu kommen, sollte meinem Verständnis nach überlegen, ob er eine Universität besuchen soll / in einer Universität lehren soll.

Was noch wichtig ist, ist eine Überlegung, die ich schon länger einmal aufgeschrieben habe:

Schlussendlich müssen wir uns entscheiden. Gehen wir hierhin, denken wir darüber nach, ergreifen wir diesen Beruf. Wir können natürlich durch Überlegung und Reflexion, durch Gespräche mit anderen, bestimmte aus der unbegrenzten Anzahl von Möglichkeiten auswählen, doch irgendwann ist ein Punkt erreicht, indem die Entscheidung, darüber nachzudenken, was wir tun sollen, selbst zum Ziel, zur Be-Rufung geworden ist. Je länger wir darüber nachdenken, was wir tun sollen, desto mehr handeln wir bereits, in dem wir nachdenken (in die Bibliothek laufen, mit Leuten reden, Wiki-Beiträge posten,...). Und dass ich hier sitze und darüber schreiben kann ändert an dieser Problematik kein Stück, denn wieder habe ich mich bereits entschieden, den Block aus meinem Rucksack zu nehmen und mich entgegen anderer Möglichkeiten dazu entschlossen, über diesen Sachverhalt nachzudenken.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 18. Februar 2010 um 21:26 Uhr