AKAdemie

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AKAdemie als Parallelbetrieb

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Wenn ich mir mein bisheriges Studium so ansehe, dann ist es wesentlich gekennzeichnet durch Parallelbetrieb. Es erschien mir nie erstrebenswert, sich ausschließlich der Informatik oder der Philosophie hinzugeben und sich auf ihre Methodik, ihre Arbeispraxen und Interpunktionen so einzulassen, dass Gewohnheit sie unumgänglich macht. Institutionalisierungen bringen Kompromisse mit sich, die man bei seiner Arbeit und in seinem Denken nicht weiter hinterfragt und zu hinterfragen schwer fähig ist.

Doch jede Orientierung benötigt nicht weiter hinterfragte Bezugspunkte, in die hinein man seine Wurzeln schlägt, seine Zielrichtung empfängt - und von denen hinaus man seine Arbeit verrichtet. Kurz, eine Verankerung.

Lässt sich daraus schließen, dass ich orientierungslos durchs Studium irrte? Nicht notwendigerweise. Indem ich mich zwischen den sozialen Sphären bewege und aufhalte, entsteht ein Strudel, eine Lebenspraxis, die ihren Ort durch Anziehungs- und Abstoßungseffekte der Sphären konstituiert.

Was heißt das? Nun, zunächst ein wenig Vorgeschichte: Ich bin geprägt durch eine technische Sicht auf die Welt. Wer 5 Jahre an einer HTL unterrichtet wurde, bleibt davon nicht unberührt. Trotzdem regte sich damals - vielleicht ist es aus dem pubertären Geist zu erklären - ein Widerstand gegen diese Arbeits- und Lebenspraxis, eine Weise, die ihren Blick ausschließlich auf technische Interventionen richtete, ohne zu verstehen, durch welche sozialen Umstände, durch welche Ideen, in welchem Rahmen sie ihr Können entfaltet. Man wird geschult, in Situationen nach "geg." (gegeben) und "ges." (gesucht) zu suchen, jene Fixpunkte, in denen technisches Können sich entfaltet.

Gib mir den gegenwärtigen Ist-Zustand einer Situation oder eines Systems, sag mir was du willst und überlass den Übergang, wie ich von hier nach dort komme, mir. Ich möchte nichts wissen darüber, wie es zu diesem Ist-Stand gekommen ist, welches ökonomische Kalkül, welche politischen Entscheidungen, welcher soziale Missstand die Pfeilrichtung vorgegeben haben, definiere mir genau, wo du im Einzelnen hinwillst und ich entwickle eine Lösung. Eine ungeheuerliche Komplexitätsreduktion, straight-forward, effektiv. Ein wohldefinierter Rahmen mit experimentierfreudigen aber oft im selben Maße hörigen Personen. Man wird diese Weise, an Probleme heranzugehen, schwer los und warum sollte man, wenn es funktioniert? Während manche damit zufrieden waren (das ist eine plausible Art, damit umzugehen) und sich darauf spezialisierten, diese Rolle auszufüllen hat mir (bei gleichzeitiger Antizipation der Grundideen) immer etwas gefehlt, seit ich in dieser Schule war. Welcher Techniker würde sonst Religion als Wahlfach nehmen, die einzige (da gesetzlich verpflichtende) Möglichkeit, aus dem Duktus des "da draußen in der Wirtschaft", im echten harten Leben, im Kampf ums Bestehen am Arbeitsmarkt, herauszutreten? Einige Zeit hatte ich mich gegen die Sphäre von Technologie und Wissenschaft völlig abgekoppelt, zumindest meinte ich, dass Ökologie und Systemtheorie die Zukunft für ein Input-Output-Modell seien und dass man dafür nur noch adäquate Methoden ausarbeiten müsste. Ich las Konrad Lorenz, Gregory Bateson, James Lovelock, Standislaw Lem, Erich Fromm, Heinz v. Foerster, Gotthard Günther.

Das sind alles Hintergründe vor denen man meinen Parallelbetrieb verstehen muss, zunächst zwischen Informatik und Kognitionswissenschaften und später (da trotz der Interdisziplinarität der Kognitionswissenschaften kein Raum mehr war für Fragen über Grundannahmen der empirischen aber auch der Geisteswissenschaften) zwischen Informatik und Philosophie. Ich muss mich selbst immer wieder für diese Teilung rechtfertigen und mich vergewissern, dass das noch Sinn hat. Je weiter man im Studium ist, desto größer ist das Bedürfnis, sich irgendwo zu spezialisieren, einmal ein Detail bis ins Letzte auszuarbeiten. Doch dieses Spezialisieren erfordert ein (ausschließliches?) Sich-Einlassen auf Randbedingungen, hinter denen man stehen muss. Ich habe für mich immer die Aussicht gehabt, irgendwann einmal den Parallelbetrieb aufzugeben und zu einer sinnvollen Ganzheit zusammenzufügen. Doch es mag nicht gelingen, man darf sich von Willensbekundungen, Programmschriften und oberflächlichen Zusammenführungen nicht täuschen lassen, es handelt sich um unterschiedliche Sphären, die ich mir - sozusagen im Privatvergnügen und in eigener Anstrengung - offen halte. Hin und wieder erlaubt das sinnvolle Überschneidungen und Begegnungen. Mit Recht darf man fragen: Zu welchem Preis?

Man kommt sich ein bisschen vor - und wird vermutlich auch wahrgenommen - wie ein Ethnologe, der bei einem fremden Volk sitzt und die Verhaltensweisen bestaunt. Sowohl in den Sitzungen der curricularen Arbeitsgruppen, als bei den Modulen des Talent Circle, immer weniger bei den Plena der Basisgruppen oder bei philosophischen Lehrveranstaltungen könnte man von einem Doppelagenten sprechen, der die Geheimnisse der einen Seite der anderen mitteilt, und umgekehrt. Welches Kalkül steckt hinter jenen Verhaltensweisen? Ich bin kein Informatiker, auch kein Philosoph, weiters kein Unternehmensberater oder Mitglied des Kommunistischen StudentInnenverbands. Ich versuche, zu verstehen. Meine Interventionen beschränken sich in Manier des Philosophen darauf, Fragen zu stellen und in Manier des Informatikers den IST-zu-SOLL-Pfeil zu antizipieren und die Fragen "wie kann man es machen, dass... und wie kann man es besser machen" zu bearbeiten.

Zwischen den Stühlen ist mein Platz. Aber ist das ein Platz? Kann man da sitzen? Ist das halbherzig oder inkonsequent? Vielleicht gar opportunistisch? Ich beanspruche keine Überblicksposition (also kein Ethnologe im vollen Sinn), aber ich bleibe im Fragen. Ich tue das auch, weil es mir notwendig erscheint. Das, was man Informationsgesellschaft nennt, benötigt Kenntnisse der Informatik, der Ökonomie und der Politik, nicht bloß aus der Sicht des Historikers, sondern in den konkreten Situationen, wo die Arbeit stattfindet, die Unternehmen entstehen und die Entscheidungen getroffen werden. Ich nehme Platz, dort wo - noch - keiner ist. Das schließt ein, dass man zunächst "Ja" sagen muss. Ja, zur Situation, zum Kontext, zum "geg." und "ges.". Bitte versteht das als ein temporäres "Ja", hierbei möchte ich Klarheit.

Denn wie kann ich nein sagen, wo ich noch nichts verstehe von diesem Kontext, von der Idee, die du mir näher bringen willst oder dem Ort, der sich hier zeigt. Ein Stück weit gehe ich mit dir und darin bin ich treu und hörig. Ich muss zuhören und die Situation vernehmen. Du kannst auch sagen, das sei passiv, ich halte es für die einzige Möglichkeit, die Situation zu erfahren, nicht im Sinne des Überblicks, sondern im In-sein und teil-NEHMEN. Wenn ich aus einer starken Position heraus, sagen wir von der Informatik her gegen die Philosophie argumentiere, wird es dieser Arbeits- und Lebensweise nicht gerecht: Ich würde sie in der Rolle der Verteidigung nach außen kennen lernen und nicht in ihrer je eigenen Weise. Das wäre kein sinnvoller Einstieg in eine Situation, es verdeckt jene (subtilen) Nuancen und Praxen, die die Situation interessant machen. Stattdessen werde ich fragen, um zu verstehen, um den Horizont der Situation einzuschätzen.

Ganz gleich verhält es sich mit Basisgruppen, Talent-Netzwerken oder Entscheidungsgremien. Doch möchte ich das temporäre im "Ja" verdeutlichen. Irgendwann muss man einmal die Konsequenzen daraus ziehen, Herausforderungen aussprechen, und sich selbst (da man in den Kontext der Situation gekommen ist) konfrontieren mit der vollen Bandbreite anderer Situationen oder den Inkonsistenzen der je eigenen Situation. Das wäre eine Art von "nein" die versucht, nicht ins Leere zu gehen, sich keinen Strohmann aufzubauen und die Situation ernst zu nehmen. Nicht aus einer sich selbst feiernden (Protest-)Laune heraus, sondern als Antwort auf die Nöte der Situationen. Im Versuch, Begegnungen zwischen Sphären zu finden, Begegnungen und fruchtbare Hinweise, Hinweise und gemeinsame Muster, Muster und Widersprüche. Als ob es keine endgültige Trennung der Disziplinen gäbe, als ob unser Platz erst zu finden wäre. Darum die AKAdemie.

 

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